Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen, April 2001

"Wer Arbeit will, findet auch welche ...." - Arbeitslos - selbst schuld?

Gegenwehr gegen repressive Arbeitsmarktpolitik


Zusätzlich gibt es auch den Text einer Postkartenaktion an Riester als PDF-Datei.


Vier Vorurteile gegen Arbeitslose und mehr als 4 Argumente dagegen.

"Wer Arbeit will, findet auch welche."

Auf eine offene Stelle in Westdeutschland kommen 8 Arbeitslose. Im Osten stehen einer offenen Stelle sogar 23 Arbeitslose gegenüber.

Die Chance, einen Arbeitsplatz zu finden, ist gering. Was fehlt, ist nicht die Arbeitsbereitschaft der Erwerbslosen. Was fehlt sind Millionen Arbeitsplätze.


"Arbeitslosen geht es finanziell viel zu gut."

Das Arbeitslosengeld beträgt im Osten 1.208 DM im Monat (Westen: 1.382 DM). Die Arbeitslosenhilfe, die bei "Bedürftigkeit" im Anschluß an das Arbeitslosengeld gezahlt wir, liegt im Osten bei 884 DM (Westen: 1.013 DM). Im Durchschnitt, also wenn der ehemalige Manager und die Verkäuferin in einen Topf geworfen werden. Wer früher wenig verdient hat, bekommt eine deutlich geringere Arbeitslosenunterstützung.

Rund 700.000 Arbeitslose sind auf Sozialhilfe angewiesen, da das Geld vom Arbeitsamt zum Leben nicht ausreicht.

Jeder Fünfte, der arbeitslos gemeldet ist, bekommt vom Arbeitsamt überhaupt keine Geldleistung.

Arbeitslose stehen finanziell äußerst schlecht da. Oft folgt dem Verlust der Arbeit auch der soziale Abstieg bis hin zur Armut.

Wer eine schlecht bezahlte Arbeit hat, der hat gute Gründe, unzufrieden zu sein. Doch Kürzungen bei Arbeitslosen bringen Geringverdienenden keine Mark mehr in Portemonnaie. Notwendig sind vielmehr höhere Löhne für Geringverdienende, ein besseres Kinder- und Wohngeld sowie Steuersenkungen für kleine Einkommen.


"Die meisten Arbeitslosen wollen gar nicht arbeiten gehen"

Angesichts der hohen monatlichen Arbeitslosenzahlen wird oft die große Bewegung auf dem Arbeitsmarkt übersehen: Über drei Millionen der gemeldeten Arbeitslosen haben im Laufe des letzten Jahres eine neue Arbeit aufgenommen.

Davon haben 40 Prozent alleine, also ohne die Arbeitsvermittlung und Hilfe des Arbeitsamtes, eine neue Stelle gefunden. Dies zeigt, wie aktiv sich Arbeitslose selbst um Arbeit bemühen - trotz schlechter Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die durchschnittliche Anzahl der Bewerbungen hat sich in den letzten fünf Jahren auf mittlerweile 29 verdoppelt.

80 Prozent der Arbeitslosen sind bereit, einen längeren Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen. 70 Prozent würden auch ungünstigere Arbeitszeiten oder eine weniger interessante Tätigkeit hinnehmen, um Arbeit zu finden.

Die gängige Meinung, Arbeitslose wollten gar nicht arbeiten, entspricht nicht der Wirklichkeit. Arbeitslose sind sogar bereit, vielfältige Nachteile in Kauf zu nehmen, um Arbeit zu finden.


"Die Arbeitslosen liegen mir auf der Tasche. Wenn ich schon an meine hohen Abzüge auf der Lohnabrechnung denke..."

Arbeitslosengeld oder -hilfe gibt es nicht "umsonst". Auch die heutigen Arbeitslosen haben - zum Teil über sehr viele Jahre - Beiträge in die Arbeitslosenversicherung gezahlt.

Richtig ist: Wer wenig verdient, dem tun die Beiträge zur Sozialversicherung schon weh. Aber das Problem einer "hohen Beitragslast" läßt sich gerechter lösen als durch Kürzungen bei Arbeitslosen: Wenn mehr Menschen - vor allem die mit hohem Einkommen - Beiträge einzahlten, dann müßten Normal- und Geringverdienende weniger zahlen. Es ist ein Skandal, dass heute eine Verkäuferin auf ihren ganzen Lohn bezogen Beiträge zahlt, ein Spitzenverdiener aber nur auf einen Teil seines Einkommens (bis zur Beitragsbemessungsgrenze).

Eine ausreichend hohe Arbeitslosenunterstützung schütz auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Denn: Wenn das Geld vom Arbeitsamt zum Leben nicht reicht, sind Arbeitslose gezwungen (fast) jede Arbeit zu jedem Preis anzunehmen. Dann sind Arbeitslose billige und willige Arbeitskräfte - in Konkurrenz zu den Beschäftigten! Dann wird vielleicht schon morgen Ihre Arbeit von einem "preiswerteren" Arbeitslosen erledigt...

Beschäftigte und Arbeitslose haben somit durchaus gemeinsame Interessen!


Arbeitslose fördern - nicht verurteilen!

Die rot-grüne Bundesregierung will das Arbeitsförderungsrecht ändern: mit "verbindlichen Eingliederungverträgen" sollen Erwerbslose in Arbeit gebracht werden, bei "Verletzung der Pflichten" die Leistungen (verschärft) gekürzt werden. Zu diesen Plänen sagen wir:

Sanktionen schaffen keinen einzigen Arbeitsplatz, sondern zwingen Arbeitslose in Lohndumping. Gute Hilfsangebote werden gerne genommen und kommen ohne Zwangsmaßnahmen aus.

Keine "Eingliederungspläne" über die Köpfe der Arbeitslosen hinweg. Ihre Interessen, Fähigkeiten und Wünsche müssen berücksichtigt werden!

Was heute als "zumutbare" Arbeit gilt, ist nicht akzeptabel. Wir brauchen eine Reform, die z.B. Qualifikationen schützt und dafür sorgt, dass Tarife eingehalten werden.

Wo bleibt eigentlich der Beitrag der Arbeitgeber für zusätzliche Arbeitsplätze? Warum werden sie nicht in die Pflicht genommen? Notwendig ist z.B. eine verbindliche, gesetzliche Regelung zum Abbau von Überstunden.