Karin Schmidt, April 2001
... Damit verbunden ist das Erziehungs- und Bildungsziel mündiger, kommunikations-, reflexions- und kritikfähiger, wissbegieriger und kreativer Persönlichkeiten, die ihre Interessen sowohl formulieren als auch wahrnehmen können und sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einmischen. Präventive und begleitende Konzepte haben Vorrang vor reaktiven und repressiven Maßnahmen. Zentrale politische Ziele sind Gerechtigkeit und das Menschenrecht auf Bildung. So heißt es in der Diskussionsgrundlage für die Programmatische Erklärung von BasisGrün, Frankfurt / Januar 2000.
Die gesellschaftliche Entwicklung geht in eine andere Richtung. Wer heute von Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel spricht, meint in der Regel nicht die Humanisierung der Gesellschaft sondern neue Technologien und Globalisierung der Wirtschaft. Eigentlich müsste die Politik im Sinne des Gemeinwohls ein Gegengewicht zur Ökonomie herstellen. Die reale Bildungspolitik ordnet sich jedoch, wie alle anderen Politikfelder auch, der Wirtschaft unter und zielt in erster Linie auf "Rentabilität", d. h. auf Eliteproduktion, minimale Versorgung des großen Rests mit möglichst wenig Investitionsaufwand und Kollateralschäden - wobei Letzteres allerdings zunehmend misslingt. Bildungs- und Sozialpolitik setzt heute auf marktförmige Zurichtung unter Inkaufnahme von Entsolidarisierung.
Aufgeklärte Geister sehen die Gefahren des entfesselten Kapitalismus, die zunehmende Entfremdung, die Verwilderung sozialer Verhältnisse und Entzivilisierung, die kulturelle Verarmung, den Zerfall von Werten und Strukturen, die zuvor für eine gewisse Stabilität sorgten. Sie konstatieren die Diskrepanz zwischen dem vorhandenen unermessichen privaten Reichtum einiger Weniger [So besitzt Familie Albrecht 41 Milliarden DM. S. Manager - Magazin vom 6. 4. 2001.] und der öffentlichen Armut, die dazu führt, dass diese Gesellschaft einen immer größer werdenden Teil ihrer Jugend geradezu verkommen lässt.
Als verheerende Folgen des neoliberalen Kurses mit seiner sozialen Demontage werden zunehmend mangelnde soziale und politische Kompetenz sowie Dissozialität spürbar. Dies wird nicht erst deutlich, wenn Jugendliche kriminell oder rechtsradikal werden, harte Drogen nehmen oder Waffen gegen andere richten. Auch wenn längst nicht mehr übersehen werden kann, was sich innergesellschaftlich an sozialem Sprengstoff zusammenbraut, werden die Probleme nur selten im gesellschaftliche Kontext gesehen, sondern eher individualisiert und biologisiert.
Aufmerksame Beobachter registrieren die wachsende Ungleichheit, den Zerfall des Sozialen, das zunehmende materielle, geistige und psychische Elend, den Verlust an Hoffnung und Zuversicht. Sie konstatieren bei Kindern und Jugendlichen den zunehmenden Mangel an Selbstwertgefühl und Vertrauen, die fehlenden Voraussetzungen für Lernen, die steigende Anfälligkeit für gewaltsame Lösungen und rechte Ideen usw. usw. Aus ihrer persönlichen Sicht zunächst völlig berechtigt klagen in Betrieben MeisterInnen über mangelnde Eignung von Lehrlingen, LehrerInnen über fehlende Voraussetzungen ihrer Schüler, KindergärtnerInnen machen ähnliche Erfahrungen. Diese Einschätzungen sind nicht falsch; sie werden täglich bestätigt. Die Quadratur des Kreises ist schließlich nicht möglich.
Hier wäre es notwendig, einen klaren Blick auf die Rahmenbedingungen zu richten und alles daranzusetzen, dass Voraussetzungen und Bedingungen geschaffen werden, die Lebenschancen und Zukunftsperspektiven eröffnen.
Längst haben Wissenschaftler eine Korrelation konstatiert zwischen neoliberaler Politik und dem was sie Anomie / Zustand mangelnder sozialer Ordnung nennen: Selbstmord, Scheidung, Delinquenz, Alkoholismus, Gewalt ... (vlg. Pierre Bourdieu, 2000: "Vernetzt Euch") Dies nimmt man jedoch zumeist resigniert hin als sei es ein Naturgesetz, sodass dem praktisch kein Widerstand entgegengesetzt wird. In den kaputtgesparten Institutionen versucht man zu retten, was zu retten ist.
Der Staat, der hier an Stelle gesellschaftlich notwendiger Investitionen Sparmaßnahmen durchführt, den Sozialstaat zurückfährt und die öffentliche Infrastruktur aushöhlt, folgt allein den Anpassungsforderungen der Wirtschaft. Er betrachtet das Land als Wirtschaftsstandort, nicht als Lebensraum von Menschen. Er setzt, den Gesetzen des Kasinokapitalismus folgend, betriebswirtschaftliche Logik an die Stelle volkswirtschaftlicher Vernunft. Einer Politik, die ihren Gestaltungsauftrag zugunsten der Ökonomie aufgegeben hat, sind die Bedürfnisse und Interessen seiner jüngsten Bürger ziemlich egal, dienen sie doch weder dem Machterhalt noch der Produktivitätssteigerung.
Es gibt keine erkennbare offizielle Politik, die konsequent von den Bedürfnissen und Interessen der jungen Generation ausgeht, die deren Lebensgrundlagen und Zukunftsperspektiven sichert, die auch Partei ergreift und für diejenigen handelt, die sich selbst noch nicht vertreten können. Kinder haben keine echte Lobby. Sonntagsreden und reaktives Krisenmanagement helfen nicht; und der Verzicht auf einen breiten öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, eine Ausbildungsabgabe / Umlagefinanzierung ist schlicht kontraproduktiv.
An entscheidender Stelle fehlt der politische Wille, Konzepte durchzusetzen, die die Belange von Kindern und Jugendlichen ernsthaft vertreten und die einen Rahmen schaffen, um ihre zur Persönlichkeitsentwicklung und Partizipation notwendigen Kompetenzen angemessen zu fördern. An anderer Stelle erleben wir bei Politikern: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ob für Krieg oder für Computerspezialisten per GreenCard - unsere Politiker sind erstaunlich wendig, wenn sie wollen.
Schwer zu begreifen scheint, dass keine Partei ernsthaft Konzepte vorlegt, die der Zunahme von Gewalt, Rechtsextremismus, Vandalismus, Drogenmissbrauch und des zunehmend postulierten Leistungsabfalls Rechnung tragen. Unter anderem die CDU setzt voll auf Repression und ruft nach Kontrolle, Auslese, Bestrafung, nach Gefängnissen und Polizei. Da stört es auch wenig, dass sich diese Mittel immer wieder als untauglich erwiesen haben. Wegsperren und fertig.
Rot - Grün liefert keinen Gegenentwurf, sondern bemüht sich, den Mangel einigermaßen zu verwalten, um ihn ja nicht benennen zu müssen. Man identifiziert sich mit dem Status quo und verteidigt ihn. In der Regel wartet man, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist und reagiert dann gerade so weit, dass das soziale Gewissen ein wenig beruhigt ist. Vor allem geht es darum, dass Gewalt nicht als aus der Mitte der Gesellschaft kommend und logische Konsequenz des Systems erkannt, sondern als zufällige individuelle Fehlentwicklung gesehen wird.
Der Staat hat in den 16 Jahren Kohl-Regierung den Abschied vom Sozialstaat eingeleitet und Schulen, Beratungsstellen und Hilfeeinrichtungen kaputtgespart. Der Sozial- und Bildungsbereich ist inzwischen katastrophal unterversorgt und unterfinanziert.
Rot - Grün versprach vor der Wahl und in der Koalitionsvereinbarung, für mehr soziale Gerechtigkeit und Ausgleich zu sorgen. Dieses wäre über die Einnahmeseite des Staatshaushaltes zu erreichen gewesen. Leider entschied sich auch die neue Regierung für Kürzungen auf der Ausgabenseite, das heißt für weitere Kürzungen im Sozialbereich. Es gab noch nie so viel Geld in diesem Lande. Es ist genug da. Die Erhöhung der Abgaben für diejenigen, die an diesem Wirtschaftssystem mehr als genug verdienen, machte die notwendigen Gelder frei für eine ausreichende Förderung von Beschäftigung in allen gesellschaftlich notwendigen Bereichen. Das neoliberale Konzept von Rot - Grün heißt dagegen zwangsläufig, Bildung weiterhin zu vernachlässigen - und zwar aus ideologischen wie ökonomischen Gründen. Da man das dicke Geld nicht abschöpft, können Gemeinschaftsaufgaben nicht erfüllt werden. Die Marktorientierung lässt nur unzureichende Bildungsinvestitionen zu. Scharpings Betroffenheitsgesicht kennen wir zur Genüge, wenn er seinen Kriegern Gutes tun will. - Hat sich jemals eine einflussreiche Politikerin / ein einflussreicher Politiker derart medienwirksam in Szene gesetzt, um soziale Belange ernsthaft zu vertreten?
Dreh- und Angelpunkt ist selbstverständlich das Geld. Umfassende Bildung für alle passt nicht zu einer gesellschaftlichen Produktionsweise, die sich nach Profitgesichtspunkten organisiert und damit die Sozialstaatlichkeit zwangsläufig aufgeben muss. Das Soziale wird kommerzialisiert, jede zwischenmenschliche Beziehung zur Tauschbeziehung mit einem bestimmten Marktwert. Gewinnbringend ist die Entwicklung von Produktivkräften, nicht die von Menschen. Unter dem Blickwinkel der Ökonomie im Sinne kurzfristiger Gewinnabschöfpung sind Investitionen in den sozialen Sektor rausgeschmissenes Geld.
Setzte man an die Stelle der Vermarktung sozialer Ressourcen auf Weitsicht und Vernunft, würde eine andere Kosten - Nutzen - Rechnung schnell aufzeigen, was man sich an Geld und Leid sparen könnte. Es käme heraus, dass sich Prävention und Unterstützung schnell rechnet.
Setzte man auf Vernunft, gäbe es einen Politikwechsel. Dass sich keine Partei die Interessen der jungen Generation zu eigen macht, ist nur unter Betrachtung des Wirtschafts- und Parteiensystems nachvollziehbar. Es geht nicht um Verantwortung, sondern um Macht.
Ergebnis: Es werden nun Kinder heranwachsen, die auf Dauer richtig teuer werden.
Zwischen dem, was Kinder und Jugendliche brauchen und dem, was sie bekommen, liegen Welten. Soweit man überhaupt von Kinder-, Jugend- und Bildungspolitik reden kann, ist sie primär auf Hochschule und Ausbildung gerichtet. Die Diskussion wird von ökonomiesiertem Denken beherrscht. Es geht um die marktgerechte Zurichtung von Kindern, ihre Konsumfähigkeit, die ökonomische Verwertbarkeit ihres Wissens, ihre Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse des Erwerbslebens, um Auslese, nicht um Bildung, Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung, politische und soziale Kompetenz.
Die neoliberale Ideologie, die mit einem ungeheuren Arbeitsfanatismus verbunden ist, gibt auch so manchen pädagogischen Ansätzen wieder Auftrieb, die nach `68 erfolgreich in den Hintergrund gedrängt wurden. "Müßiggang ist aller Laster Anfang." "Leistung soll sich wieder lohnen." "Jeder kann, wenn er nur will." "Konkurrenz belebt das Geschäft." ..... So mancher Pauker lebt wieder richtig auf. Hier wird nicht nach Inhalt, Sinn und Zweck gefragt, sondern Unterwerfung unter die Dogmen verlangt. Es werden Faulheit und Verweigerung unterstellt, die durch Druck und Zwang zu durchbrechen sind.
Das Ziel heißt heute "Geld machen". Dies wird entweder an Börsenspiele oder an Arbeit geknüpft. Die heutige Ideologie der Arbeit, die sich am abstrakten Geld orientiert, befördert ein Denken, das sich von menschlichen Bedürfnissen weiter und weiter entfernt, von der Zockermentalität ganz zu schweigen.
Die Dissozialität des Zeitgeistes manifestiert sich in Bindungslosigkeit, Isolation, Angst durch ständige Überforderung und gnadenloser Entsolidarisierung. Erfolgsorientierung in der wirtschaftlich globalisierten Welt ist untrennbar verbunden mit der Abwertung derer, die nicht mithalten können oder sich widersetzen. Darin besteht Konsens zwischen Kanzler Schröder und den Wirtschaftsbossen. Lohndumping, Zwangsarbeit: friss oder stirb.
Es gibt engagierte Menschen, Idealisten im psycho - sozialen Bereich, die versuchen, das Beste aus der materiellen und kulturellen Mangelsituation zu machen, aber feststellen müssen, dass es nicht reicht. Es gibt jede Menge Flickwerk und Unzulänglichkeiten. Es gibt vereinzelt gute Modellprojekte, die jedoch zumeist Alibifunktion haben und als Vorzeigeprojekte medienwirksam aufbereitet, dokumentieren sollen, dass die Welt der Kinder und Jugendlichen in Ordnung sei. Und da sich z.B. die meisten Lehrer für gute Menschen halten, schlussfolgern sie, dass die Schüler es in der Schule gut haben. Manche halten sich selbst und das Selektionsinstrument Schule auch für neutral und ideologiefrei und verbauen damit den Blick auf Vorgaben, Zwänge und verdeckte Gewalt. Sie verhindern Problembewusstsein und Auseinandersetzung, indem sie sich unangreifbar machen.
Es gibt viele Realos im Alltagsgeschäft, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen etc., die es gerade noch schaffen, ihren harten Job zu bewältigen, jedoch Schritt für Schritt die Verschlechterungen akzeptieren und durch höheren Einsatz auszugleichen versuchen. So werden Bildungs- und Beratungsinstitutionen zu Anpassungsinstrumenten und Beruhigungsinstanzen. Mangelverwaltung wird zum akzeptierten Dauerzustand.
Von den Missständen dringt nur wenig nach außen. Selten werden massive Forderungen laut. Die (viel zu wenigen) Fachleute in Bildungs- und Beratungseinrichtungen verhalten sich auffällig still. Wer keine Alternative zum Status quo sieht und einfordert, wer unter völlig untauglichen Rahmenbedingungen ohne diese zu benennen, unzureichende Reparaturarbeiten erbringt, leistet der sozialen Demontage Vorschub. Wie die Politiker akzeptieren auch sie den Status quo und machen das Politikfeld nicht zum Megathema. Trotz Überforderung, Resignation und Rückzug werden die unzulänglichen Bedingungen oft verleugnet und tabuisiert, weil man Kritik an der eigenen Person fürchtet. Der Mangel wird verschwiegen. Oft wird durch Dressur fehlende Erziehung kaschiert. Auf dem heimlichen Lehrplan steht die Zurichtung auf die Erforderlichkeiten des Erwerbslebens. Um mitzuhalten wird Schaumschlägerei betrieben und Pädagogik durch Werbestrategie ersetzt. Da es zunehmend auf Außenwirkung ankommt, wird Bluff zum legitimen Mittel.
Selbstbetrug, Verharmlosung und Schönfärberei helfen jedoch nicht weiter. Dieser Opportunismus hilft letztlich niemandem. Sinnvoller wäre sicherlich, aufzuklären, Druck auszuüben und für angemessene Bedingungen zu kämpfen.
Politiker haben nicht nur die sträfliche Vernachlässigung dieses Sektors zu verantworten, sie arbeiten im Interesse ihres Funktions- und Machterhalts immer wieder mit Nachdruck an der Entsolidarisierung der Betroffenen. Sie nennen das "Modernisierung der Sozialsysteme". Dafür geben sie sogar Geld aus - z.B. für Studien, die beweisen sollen, dass Schüler schlechte und faule Schüler, Lehrer schlechte und faule Lehrer sind; und auch Eltern geraten ins Kreuzfeuer der Kritik. So stellt der Begriff "Qualitätssicherung" angesichts der herrschenden Bedingungen ein Kampfansage an alle Betroffenen dar, da die Voraussetzungen für Qualität fehlen. Diese soll geliefert werden bei Klassenfrequenzen von. 30 Schülern, unzureichender Lehrerausbildung, ohne institutionalisierte Supervision und Fortbildung aller Lehrer, ohne ausreichende externe Schüler- und Elternberatung. Neben dem Mangel innerhalb der Kindergärten, Schulen und Hochschulen selbst, fehlt es auch an den zunehmend notwendigen flankierenden Maßnahmen im psycho - sozialen Bereich. In der "freien Wirtschaft" würde man sich angesichts dieser Erwartungen an die Stirn tippen. Meine Großmutter würde schlichtweg sagen: "Von nix kommt nix."
Eine wirkliche Evaluation der Schul- und Unterstützungssysteme ist dagegen nicht erwünscht. Sie würde die Versäumnisse der Verantwortlichen ja offenlegen. Die Frage nach den Rahmenbedingungen, den Kapazitäten und Qualitäten des gesamten Systems darf nicht gestellt werden, um Fragen nach Verantwortlichkeiten zu vermeiden. Eine scharfe Analyse ist nicht erwünscht. Unser Erziehungs- und Bildungwesen kann nicht gerade auf eine Erfolgsstory verweisen. Warum ist die Arbeit so erfolglos? Warum wird fortgesetzt, was sich als untauglich erwiesen hat? Wo bleiben in der Alltagspraxis die Fragen nach der strukturellen Gewalt? .....
Man fokussiert, um abzulenken, lieber auf das "was hinten rauskommt", und beklagt das (schlechte) Ergebnis: Sitzenbleiber, Abbrecher, Verweigerer, unzureichend Qualifizierte - die Kollateralschäden des Bildungssystems. Hier mit verengtem Blick von Effektivitätskontrolle und Evaluation zu reden, ist zynisch, unangemessen und verlogen. Das ist verschleiernde Rhetorik, pure Ideologie. Emanzipatorische Bildung ist keine Warenproduktion. So ist auch die reformpolitische Erneuerung grüner Bildungspolitik, die die "Autonomie" auf ihre Fahnen geschrieben hat ohne die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, peinlichste Augenwischerei. Mit dieser vorgegaukelten Freiheit wird neoliberale Ideologie pur transportiert. Weder "Autonomie" als Selbstverwaltung der Unzulänglichkeit und des Mangels noch der Terror der "Effektivitätssteigerung", der nichts anderes bedeutet als Konkurrenz, Misstrauen und Auslese, sind eine Alternative. Neoliberalistische Menschenbilder, modernistische Begriffe, die sich dem Mainstream anpassen sind ebenso untauglich zur Emanzipation wie Sparprogramme oder rein reaktive und repressive Maßnahmen.
Zur Installierung einer emanzipatorischen Kinder- und Jugendpolitik wäre ein eventueller Diskussionsprozess nicht nur von Praktikern in Bildungseinrichtungen zu führen, sondern auch mit Wissenschaftlern wie Jugendforschern, Soziologen, Politologen, Kindertherapeuten u.ä. - und vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Es geht nicht um eine isolierte Bildungspolitik, sondern um Maßnahmen, die das gesamte Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen umfasst. Es geht vor allem auch um direkte Unterstützung von Kindern - und zwar nicht nur in extremen Notsituationen. Und es geht auch um Persönlichkeitsbereiche, die nichts mit Bildungslücken, sondern mit Wahrnehmung und Verhalten zu tun haben. Eine neue Blickrichtung wäre wichtig, die nicht auf die Institutionen, sondern auf das Klientel gerichtet ist und von der schlichten der Frage ausgeht: Was brauchen Kinder und Jugendliche ?
Es käme darauf an, den Modernisierern ein anderes Menschenbild entgegenzusetzen, der Isolation Kommunikation, der Entfremdung Selbstbestimmung und der Entsolidarisierung Solidarität gegenüberzustellen.
Wenn Pädagogik bedeutet, Beziehungen herzustellen und von einem sicheren Standort aus Neuland zu entdecken, widerspricht sie dem Zeitgeist. Dieses andere Denken könnte zum fruchtbaren Störfaktor werden.
Die Industrie bemächtigt sich immer mehr jedes Einzelnen. Die Politik trägt dazu bei soviel sie kann. Sie betreibt die Privatisierung des Staates. Die Konsenspolitik der rot - grünen Regierung mit der Wirtschaft wird Letztere zu weiteren Zugriffen auf staatliche Einrichtungen ermuntern. Durch Sponsoring, Übertragung von Managementmodellen, Zurichtung des Unterrichts auf die Marktgesetze, Privatisierungen im Hochschulbereich und Studiengebühren sind längst erste Schritte getan. Der Ausverkauf hat längst begonnen. Die Segnungen des globalen Kapitalismus werden gepriesen, Begriffe und Mechanismen übernommen. Wir müssen dem vorauseilenden Gehorsam vieler im Bildungsbereich Tätiger entgegentreten und die massiver werdenden Forderungen der Industrie zurückweisen. Die Vermarktbarkeit umfassender Bildung, die Unterwerfung des Sozialen unter die Verwertungsziele der Ökonomie ist paradox.
Die Kriterien für Wirtschaftsinvestitionen sind Finanzmarktrenditen, nicht der gesellschaftliche Nutzen. Shareholder value und Spekulationsgewinn, nicht der Faktor Arbeit ist heute Motor der kapitalistischen Warenproduktion. Durch diese Kapitalvermehrung wird Arbeit immer wertloser. Die selbstzerstörerischen Kräfte des Marktes lassen eine langfristige emanziparorische Entwicklung nicht zu. Das Primat der Ökonomie, die Rationalität des Geldes und das damit verbundene Absehen von sozialen und moralischen Fragen, von Bedürfnissen, Sinn, Inhalten und Folgen wie der Zerstörung der Lebensgrundlagen, greift auf das Denken der Menschen über. Die Wettbewerbs- und Aktienkultur hat die humanistische Bildung genauso verdrängt wie politisches, soziologisches und soziales Denken.
Es mangelt nicht an Konzepten, es mangelt nicht an engagierten und hochqualifizierten Menschen, es mangelt nicht an tauglichen Analysen und Prognosen, sondern an Bewusstsein innerhalb der breiten Bevölkerung und der Politik.
Soweit nicht Selbstzufriedenheit oder Resignation herrscht, sind bei aufgeklärten Bürgern als auch auf Fachebene die Erforderlichkeiten unstrittig. So wird kaum jemand abstreiten, dass in überfüllten Schulklassen ein verantwortbarer Unterricht unmöglich ist. Jeder weiß, dass sich die personelle und sächliche Ausstattung der Einrichtungen in den letzten 20 Jahren dramatisch verschlechtert hat. Das Therapieangebot für Kinder, Jugendliche und Familien ist durch den Kniefall der Politik vor der organisierten Ärzteschaft nahezu dezimiert worden. Das weiß die Fachwelt, und das erleben tagtäglich die nach Unterstützung suchenden Menschen.
Was fehlt, ist die politische Umsetzung der Erkenntnisse, um den Missständen zu begegnen. Es fehlt der Druck auf die Politik. Bisher wurden sowohl alle Hilferufe als auch alle Angebote mit dem Hinweis auf angeblichen Geldmangel ignoriert.
Neben einer sofortigen massiven Entlastung aller in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche Tätigen durch Personalaufstockung und angemessenen materiellen Ausstattung wären Frühwarnsysteme, niederschwellige Angebote und ausreichende Hilfen notwendig. Dazu würden u.a. gehören, dass es erreichbare Ansprechpartner für alle Kinder und Jugendlichen gibt, u.a. durch Einrichtung regelmäßiger Kindersprechstunden von KindertherapeutInnen in Schulen, Jugendheimen etc. Notwendig wäre die Einrichtung von Koordinations- und Clearingstellen auf Gemeindeebene, die als Frühwarnsysteme Engpässe, Unterversorgung und Mängel aufzeigt, alle Einrichtungen miteinander vernetzt und alle Hilfesuchenden gezielt den entsprechenden Hilfeeinrichtungen zuführt, die den Werdegang betreuungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher langfristig verfolgt und ggf. Korrekturen vornimmt. Um qualifizierte ortsnahe Angebote zur Elternbildung käme man genauso wenig herum wie um institutionalisierte Fortbildung und Supervision für alle KindergärtnerInnen und LehrerInnen. Bei allen Maßnahmen hätten die Interessen und Partizipationsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund zu stehen.
Die politisch Verantwortlichen werden ihre Orientierung an Wirtschaftsinteressen beibehalten, zumindest solange sie nicht massiv daran gehindert werden. Daher sind emanzipatorische Ziele und o.g. (bescheidene) Forderungen zur Zeit illusionär.
Die Entwicklung einer gewissen Immunität gegen die entfremdete und entsolidarisierende Orientierung des Neoliberalismus, die Stärkung des Einzelnen gegen die Systemzwänge wäre ein erstes Ziel. Deutlich zu machen, dass die Dynamik der Verwertbarkeit und Rentabilität die Option einer entwicklungsfördernden Pädagogik ausschließt, wäre ein erster Schritt.
Die Probleme werden zunehmen. Wenn jeder 10. Jugendliche ohne Hauptschulabschluss bleibt, 35 Millionen DM pro Woche für Nachhilfe ausgegeben werden, die Hälfte aller Schüler nach der Grundschule eine für sie nicht geeignete Schulform besucht, 7000 Kinder bereits heute auf der Straße leben, Jugendliche angstvoll in die Zukunft blicken oder bereits resigniert haben, wie die Shell-Studien als die harmlosesten Folgen der neo-liberalen Entwicklung belegen, bleibt das nicht folgenlos.
Die Bildungseinrichtungen kranken wie die Gesellschaft an ihren inneren Widersprüchen. Sie können die marktförmige Zurichtung junger Menschen nicht umsetzen, ohne z.B. tradierte humanistische Ideale zu verraten. Längst ist die neoliberale Ideologie selbst in die Krise geraten. Der Leidensdruck wächst. An einigen Stellen wird auch schon der Unmut lauter. Vielleicht erleichtert die Zuspitzung sozialer Krisen unsere Überzeugungsarbeit und beschert uns Bündnispartner, die wir dringend brauchen. Vielleicht gelingt es dann, die gesellschaftlichen Potenziale für eine emanzipatorische Kinder-, und Jugendpolitik zu bündeln und eine förderliche Infrastruktur zu schaffen, die alle Lebensbereiche der jungen Generation einschließt.
Wenn wir die Zerstörung auch der sozialen Lebensgrundlagen nicht hinnehmen wollen, kommen wir um Systemfrage nicht herum.