BündnisGrünes Grundsatzprogramm - BDK-Antrag
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Wir bitten um Unterstützung von Einzelpersonen und Kreisverbänden.
Wer diesen Antrag mittragen möchte, melde sich bitte bei:
Brigitte Schumann, Rüttenscheider Str. 18, 45128 Essen, tel.: 0201-777 940,
e-mail: ifenici@aol.com

 

Antrag zur Bundesdelegiertenkonferenz
Bündnis 90/ Die Grünen
in Rostock
23. - 25. November 2001


Die UnterzeichnerInnen beantragen, dass die Ausführungen zu dem Kapitel " Aufbruch in die Wissensgesellschaft" von S. 39 bis S. 43 durch die vorliegende Alternative ersetzt werden:


Aufbruch in die Wissensgesellschaft

Unter dem Einfluss der globalisierten Wirtschaft vollzieht sich der Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Wissen ist zur entscheidenden Produktivkraft für technologischen Wandel und ökonomische Modernisierung in der Hand der Wirtschaft geworden.

Arbeits-und Lebenswelten sind den ökonomischen Modernisierungsprozessen weitgehend unterworfen. Menschen werden damit täglich vor neue soziale, ökologische und berufliche Herausforderungen gestellt. Ihnen wird ein hohes Maß an Flexibilität, Kreativität, Orientierungswissen, Lernbereitschaft und kompetenzbezogene Bildung abverlangt, um Probleme zu lösen und gesellschaftlich zu bestehen.

Die zunehmende Tendenz, den Menschen auf seine ökonomische Verwertbarkeit zu reduzieren, erhöht den gesellschaftlichen Anpassungs-und Konkurrenzdruck. In der wissensbasierten und marktbestimmten Wettbewerbsgesellschaft wird Bildung zum wichtigsten Garanten für eine erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe. Davon legt auch die Ausweitung des kommerziellen Bildungsmarktes Zeugnis ab, der von der wachsenden Nachfrage zu profitieren sucht, indem er Bildung zur käuflichen Ware macht.

Aus grüner Sicht ist Bildung mehr als nur eine Hilfe, um in der Gesellschaft, so wie sie ist, bestehen zu können. Aufbruch in die Wissensgesellschaft bedeutet für uns, Menschen eine selbstbestimmte Mitgestaltung an einer demokratischen, sozial gerechten und ökologisch verantwortungsvollen Gesellschaft zu ermöglichen.

I. Grundorientierung unserer Bildungspolitik in der Wissensgesellschaft

Bildung und Selbstbestimmung
Für Bündnis 90/ Die Grünen ist Bildung zuallererst das Recht auf eine umfassende Bildung der Persönlichkeit. Dies gilt uneingeschränkt und unabhängig von der sozialen Herkunft, der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit. Es gilt für beide Geschlechter, für Menschen mit und ohne Behinderungen und unabhängig vom Pass und Aufenthaltsstatus der einzelnen in unserer Gesellschaft.

Es ist die Grundlage für einen verantwortungsvollen, gewaltfreien Umgang der Menschen mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Umwelt. Eine solche Bildung ermöglicht Urteils-und Kritikfähigkeit, Empathie und Solidarität und stärkt den Blick für die Welt, wie sie sein könnte: demokratisch, gerecht und schonend im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen. Eine solche Bildung fördert das kreative und innovative Potenzial und unterstützt die Menschen in ihren Gestaltungskompetenzen. Sie eröffnet die Perspektive für die individuelle Verwirklichung eines sinnerfüllten Lebens und für die Mitwirkung an einer besseren Gesellschafts-und Wirtschaftsordnung.

Bildung und Gerechtigkeit
Die ungleiche Verfügung über Bildung als Ausdruck bestehender sozialer Chancenungleichheit verschärft die Spaltung unserer Gesellschaft in Modernisierungsgewinner und -verlierer, in Reiche und Arme.

Eine drohende Verfestigung und Ausweitung der sozialen Spaltung der Bevölkerung sehen Bündnis 90/Die Grünen als große Bedrohung. Unsere Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit verlangt, dass wir mit allen politischen Mitteln diesen Tendenzen entgegenwirken. Wir erleben heute schon -insbesondere in Ballungsräumen- die Herausbildung von sozialer Segregation mit ihren negativen Folgen, z. B. für die Stadtentwicklung und für die lokalen und regionalen Ökonomien. Die Aufwachsbedingungen eines großen Teils der Kinder und Jugendlichen sind von Armutserfahrungen geprägt und führen zu erheblicher Bildungsbenachteiligung. Bildungsverläufe ohne Schul-und Berufsabschluss, Erwerbslosigkeit und soziale Ausgrenzung sind damit in der Regel vorprogrammiert. Materielle, soziale und kulturelle Armut werden so vererbt.

Auch wenn die Bildungschancen der Mädchen inzwischen mindestens so gut sind wie die der Jungen und sie in der Regel sogar bessere Bildungsergebnisse erzielen, können wir unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit keineswegs zufrieden sein. Gerade zu den naturwissenschaftlich - technischen Bereichen, die die Entwicklung der Wissensgesellschaft entscheidend bestimmen, wird ihnen der Zugang im Verlauf der Schulzeit und auch im Studium noch immer erschwert bzw. verbaut. Dies wollen wir ändern. Wir brauchen Naturwissenschaftlerinnen, Computerspezialistinnen und Ingenieurinnen, die ihre Lebenskompetenzen für einen ethisch verantwortlichen Umgang mit Wissenschaft und Technik einbringen.

Der Übergang zur Wissensökonomie wirft die Frage nach der privaten Verwertung von Wissen und öffentlicher Zugänglichkeit zu Wissen in neuer Schärfe auf. Die Politik muss gewährleisten, dass das Wissen unserer Zeit für alle zugänglich bleibt. Zugangsgerechtigkeit setzt der privatwirtschaftlichen Verfügung durch Patente Grenzen. Ebenso muss eine auf globale Gerechtigkeit orientierte Politik die Ungleichverteilung von Forschungskapazitäten, Bildung und technologischer Infrastruktur zwischen den kapitalstarken und informationstechnologisch hochgerüsteten Gesellschaften des Nordens und den verarmten der Südhalbkugel als Folge der ungerechten Weltwirtschaftsordnung bekämpfen.

Bildung und Nachhaltigkeit
Bündnis 90/Die Grünen fordern eine am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientierte Bildung. Sie soll die Menschen befähigen, sich mit Umwelt-und Entwicklungsfragen so auseinander zu setzen, dass sie ihre beruflichen Tätigkeiten ebenso wie ihren persönlichen Lebensstil unter dem Aspekt ökologischer Folgewirkungen, sozialer Risikoabschätzungen und globaler Gerechtigkeit kritisch reflektieren. Dies gilt insbesondere für die Erforschung und Anwendung neuer Technologien.

Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung schließt die Fähigkeit ein, sich zu solidarisieren und in Kooperation mit anderen sich an der politischen Lösung von Gemeinschaftsaufgaben aktiv zu beteiligen. Eine solche Bildung schließt die Lernbereiche wie z. B. Umwelterziehung, Friedenserziehung, Verbraucherbildung, Gesundheitsbildung und interkulturelles Lernen sowie Geschlechterdemokratie ein und erfordert interdisziplinäres und komplexes Wissen.

Trotz großer Anstrengungen werden nicht alle Menschen die steigenden Bildungs-und Qualifikationsanforderungen erfüllen können. Staat und Wirtschaft haben die Verpflichtung, die sozialen Rechte auf Bildung, Ausbildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen besonders zu schützen und zu garantieren.

Bildung und Demokratie
Bildung für alle stärkt den sozialen Zusammenhalt und die gesellschaftliche Integrationskraft, während die wachsende Kluft zwischen bildungsreichen und bildungsarmen Menschen diese gefährlich schwächt. Unter den Bedingungen der inneren sozialen Polarisierung läuft unsere Gesellschaft Gefahr, die notwendigen Voraussetzungen für die Integration zugewanderter Menschen zu verfehlen, obwohl sie auf Zuwanderung dringend angewiesen ist.

Den Anspruch auf eine humane und verantwortungsvolle Steuerung der Gesellschaft sehen Bündnis 90/ Die Grünen am besten umgesetzt in der Sicherung einer möglichst breiten Beteiligung an demokratisch-emanzipatorischen Bildungsprozessen. Während andere politisch- gesellschaftlichen Kräfte die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft vorrangig mit Elitebildung verbinden, setzen wir auf "Bildung für alle" als tragfähiges Fundament für die Wissensgesellschaft. Grüne sind sich bewusst: Wer Spitzenleistungen will, muss die Breite fördern.


II. Bildung in der Wissensgesellschaft

Soziale Auslese oder Breitenförderung?

Mit seinen bestehenden Strukturen ist das deutsche Bildungssystem ungeeignet, die bildunsgpolitschen Anforderungen der Selbstbestimmung, der Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und der Demokratie zu erfüllen.

Nationale und internationale Bildungsanalysen bestätigen, dass das deutsche Bildungssystem grundsätzlich sozial selektiv wirkt.

Die Schulformentscheidung nach der Primarstufe hängt bis heute weitgehend von der sozialen Herkunft der Kinder und vom Bildungsstatus der Eltern ab.
Die zu frühe Entscheidung über die individuelle Bildungslaufbahn kann in der Sekundarstufe kaum noch positiv verändert werden. Die Durchlässigkeit der weiterführenden Bildungsgänge in der Sekundarstufe I ist in unserem System faktisch nur noch als "Abstieg" vorhanden.

Die hohe Zahl von Schulversagern einerseits und eine im europäischen Vergleich andererseits erschreckend geringe Abiturientenquote kann sich unsere Gesellschaft unter sozialen, ökologischen, demokratischen und ökonomischen Gesichtspunkten nicht länger erlauben. Der notwendigen Vermehrung höherqualifizierter Abschlüsse und dem breiten Zugang zum tertiären Bereich, wie von der OECD angemahnt, steht die selektive Bildungsbeteiligung in Deutschland als Hindernis entgegen.

Die Green Card und damit der Import von Fachkräften ist wahrlich keine Lösung. Wir können nicht ernsthaft darauf setzen, den Entwicklungsländern aus Eigennutz die Spitzenkräfte abzuziehen, die sie dringend selbst brauchen, während hier aufwachsende MigrantInnen in ihrer Bildungsbeteiligung benachteiligt und aus dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden.
Die Bildungsforschung hat auf den Zusammenhang zwischen Öffnung der Bildungswege zum Abitur und schulischen Spitzenleistungen, wie wir sie in Skandinavien finden, hingewiesen. Sie hat damit deutlich gemacht, dass eine breite Bildungsbeteiligung nicht mit einem Qualitätsverlust verbunden ist, sondern unverzichtbare Voraussetzung für Spitzenleistungen.

Bündnis 90/ Die Grünen schließen sich den bildungspolitischen Empfehlungen der OECD und der EU für eine Verstärkung des sozialen Zusammenhalts und für eine Verminderung sozialer Ungleichheit an. Es gilt, jetzt den Mut zu beweisen, Fehlentwicklungen grundsätzlich zu korrigieren. Wir fordern damit eine umfassende Bildungsreform ein, die die Kindergärten und Schulen als Bildungseinrichtungen für alle Kinder und Jugendlichen in das Zentrum rückt und sich an den folgenden Grundsätzen orientiert.

Grundsätze für eine zukunftsfähige Schulpolitik

Bestmögliche Bildung für alle - eine staatliche Aufgabe
Bildung spielt in der Wissensgesellschaft eine Schlüsselrolle. Deshalb muss Bildung als allgemeines Gut allgemein zugänglich sein.
Bündnis 90/ Die Grünen treten für ein demokratisches Bildungssystem in staatlicher Verantwortung ein. Die Tendenzen zur Privatisierung und Kommerzialisierung im Schulsystem müssen gestoppt werden. Der Staat hat die Voraussetzungen zu schaffen und dafür Sorge zu tragen, dass sich das Bildungssystem in seinen Strukturen und seinen Inhalten an den Grundsätzen der Chancengleichheit, der Integration, der Interkulturalität, der Geschlechterdemokratie und der Nachhaltigkeit orientiert.

Bündnis 90/ Die Grünen fordern eine Bildungsreform, die an den Zielen der unvollendeten ersten Bildungsreform nach 1945 bezüglich der Demokratisierung und der Verwirklichung von Chancengleichheit und Integration im Bildungssystem anknüpft. Dabei legen wir Wert auf die Verbindung von innerer Reform durch eigenverantwortliche pädagogische Schulentwicklung und einer Weiterentwicklung der äußeren Schulstrukturen.

Unser Ziel: die eine Schule für alle
Angesichts der auch durch internationale Vergleiche bestätigten Leistungsdefizite der gegliederten Schulstrukturen ist unser Ziel die eine Schule für alle im Rahmen einer zehnjährigen Schulpflicht. Wir wollen den deutschen Sonderweg der frühzeitigen Auslese nach dem vierten Schuljahr verlassen und uns europäischen Bildungsstandards annähern.

Unter Berücksichtigung der föderalen Zuständigkeiten und der unterschiedlich ausgestalteten Schulsysteme in den einzelnen Bundesländern müssen in den jeweiligen Ländern unterschiedliche Wege beschritten werden. Auch kleine Schritte auf diesem Weg werden sich daran messen lassen, ob sie zur Vermehrung oder Verhinderung von Chancengleichheit und Integration beitragen. "Länger miteinander und voneinander lernen", das soll das Leitbild für die einzelne Schule als auch für das System als ganzes werden.

Die Verlängerung der gemeinsamen Grundschulzeit auf 6 Jahre und damit die zeitliche Verlagerung des Übergangs in die Sekundarstufe I ist z. B. ein Schritt in die richtige Richtung. Eine generelle Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre bis zum Abitur lehnen wir ebenso ab wie die Einrichtung von sog. Schnellläuferklassen. Wir befürworten dagegen die individuelle Flexibilisierung von Lernzeiten entsprechend den individuellen Lernmöglichkeiten.
Die gesellschaftliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen fängt in Kindergarten und Schule an. Im gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen haben wir gelernt, dass es normal ist, verschieden zu sein. Die sonderpädagogische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der wohnortnahen Regelschule muss zum Regelfall werden und durch entsprechende Rahmenbedingungen abgesichert werden.

Chancengleichheit anstreben - Benachteiligung ausgleichen
Bündnis 90/ Die Grünen erkennen in den ungleichen sozialen Lebensverhältnissen die Ursache für die Ungleichheit der Bildungschancen. Neben der Verbesserung der Lebenslagen als Auftrag an Politik und Gesellschaft insgesamt ist es originärer Auftrag der Bildungspolitik, durch vielfältige zusätzliche Förderung einen Ausgleich für herkunftsbezogene Benachteiligung herzustellen. Dafür müssen Schulen in benachteiligten Stadtteilen und Wohnquartieren besonders ausgestattet werden. Der frühen Förderung im Elementarbereich und in den Grundschulen muss Vorrang gegeben werden vor ineffizienten nachsorgenden Maßnahmen.

Lehrpläne und Didaktik müssen unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtergerechtigkeit und der Interkulturalität überprüft und überarbeitet werden.

Kinder stärken
Bündnis 90/ Die Grünen machen sich für Kinderrechte stark. Im Interesse der umfassenden frühen Förderung aller Kinder wollen wir über den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hinaus auch eine kostenfreie Inanspruchnahme für alle Kinder. Mit der Stärkung des Bildungsauftrags der Kindertagesstätten und einer frühen und umfassenden Förderung aller Kinder wollen wir das frühe Scheitern, die Rückstellungen von Kindern beim Eintritt der Schulpflicht und die Überweisung zu Sonder-und Förderschulen verzichtbar machen.

Dem erweiterten Förderbedarf von Grundschulkindern kann in Halbtagsschulen, die durch bloße Betreuungsangebote ergänzt werden, nicht angemessen Rechnung getragen werden. Zudem ist wegen der Kostenbeteiligung der Eltern die Teilnahme derer, die am bedürftigsten sind, nicht einmal gesichert. Der Ausbau der Grundschule zur ganzen Halbtagsschule von 8 bis 13 Uhr in der Verantwortung von Lehrerinnen und Lehrern ist der erste notwendige Schritt zur Realisierung eines Ausbaus der kostenfreien Ganztagsgrundschule mit einem klaren pädagogischen Profil.

Ganztagsschule ausbauen: Die Zeit ist reif
Dieses Vorhaben ist zentrales Anliegen grüner Bildungspolitik. Veränderte Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft verlangen die Ganztagsschule ebenso wie die Interessen von Frauen und Alleinerziehenden an der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit. Ganztagsschulen fördern die Qualität des Lernens und sind ein Beitrag zur sozialen Chancengleichheit. Der erweiterte Zeitrahmen ermöglicht zeitaufwändige, innovative Lernformen, begünstigt moderne Lernortkooperationen mit außerschulischen Partnern, gibt Raum für intensive individuelle Förderung sowie für sinnvolle Freizeitangebote.

Qualität verbessern
Bündnis 90/ Die Grünen treten für eine pädagogische und fachliche Qualitätsverbesserung des Lernens in allen Bildungseinrichtungen ein. Oberstes Ziel muss es sein, Basiskompetenzen und Grundfertigkeiten als sicheres Fundament für Leben, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe für alle zu vermitteln. Ein ausschließlich an Fächern orientiertes Faktenwissen ist Ausbildung ohne Bildung. Die Entwicklung von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und sozialer Zusammenarbeit setzt Lernmethoden und Lernformen voraus, die nicht auf abfragbares Wissen orientieren, sondern das Verstehen von komplexen Zusammenhängen und das Denken in vernetzten Strukturen fördern.

Medienkompetenz hat den Rang einer Kulturtechnik erlangt. Schule muss als entscheidendes Element im Bildungsnetzwerk der digitalen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken und allen Kindern den Zugang den Neuen Medien ermöglichen und die notwendige Medienkompetenz vermitteln. Dazu ist eine entsprechende Grundausstattung der Schulen unabhängig von Sponsoren nötig.

Schulen sollen als demokratische Orte des Lebens und Lernens von allen am Schulleben Beteiligten gestaltet werden. Die Erwachsenen müssen selbst vorleben, was die Schülerinnen und Schüler für das Leben in der Gesellschaft zukünftig brauchen. An einer guten Schule erleben junge Menschen, was diese Gesellschaft zusammenhält und dass es sich lohnt, sich für gleichberechtigtes und interkulturelles Zusammenleben einzusetzen.
LehrerInnen-Ausbildung professionalisieren.
Die Schule stellt als Berufsfeld spezifische komplexe Anforderungen. Deshalb müssen LehrerInnen grundständig pädagogisch und fachlich für dieses Berufsfeld qualifiziert werden.

Die wissenschaftlich belegten Überschneidungen der Fähigkeitsniveaus von SchülerInnen in den Schulen des gegliederten Systems, von der Hauptschule bis zum Gymnasium, und der pädagogische Anspruch der integrativen Schulen erfordern von den LehrerInnen die Wertschätzung der Vielfalt und Heterogenität in den Lerngruppen und entsprechende methodisch-didaktische Kompetenzen.

Die LehrerInnen-Ausbildung braucht das wissenschaftliche Fundament, damit die Reflexion und Systematisierung von Praxiserfahrung gelingen kann. Die Lehrerausbildung soll nur noch an den Universitäten stattfinden, die die Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften gegenüber den Fachprofessuren nicht benachteiligen.

Bündnis 90/ Die Grünen betonen: Bildung wird vom Elementarbereich bis zum individuell bestmöglichen Abschluss hin aufwärts entwickelt. Die Lehrämter für die verschiedenen Schulstufen sind gleichwertig. Die Ausbildung hat die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse der Schulstufen zu berücksichtigen.
Deshalb plädieren Bündnis 90/ Die Grünen für eine einheitliche Eingangsbesoldung, an die sich eine leistungsbezogene im weiteren Berufsleben anschließt.

Schule entwickeln - pädagogische Eigenverantwortung stärken
Größere Eigenverantwortung und Selbstständigkeit kann einen Beitrag zur qualitativen Weiterentwicklung von Schulen zu pädagogisch und fachlich leistungsfähigen, demokratischen Einrichtungen leisten, die sich als Lern-und Lebensort für Kinder und Jugendliche verstehen. Allerdings enthebt dies den Staat nicht seiner Verantwortung für die Gewährleistung der Chancengleichheit.

Schulen brauchen für eine erfolgreiche Erziehungs-und Bildungsarbeit langfristig gesicherte Ressourcen, klare und effektive Verwaltungsstrukturen für flexible und kreative Problemlösungen und bildungspolitische Zielvorgaben, die das Recht auf optimale Bildung und Förderung jedes Menschen garantieren. Das bedeutet auch, an benachteiligten Standorten durch gezielte materielle Unterstützung für einen Ausgleich sozialer Benachteiligung zu sorgen.

Innerhalb dieser Rahmenvorgaben sollen Schulen ihre Arbeit möglichst selbstständig und frei gestalten und verantworten. Dazu gehören neben Konzepten für Schulentwicklung, auch konsequente, für jede Lehrerin und jeden Lehrer verpflichtende Fortbildungskonzepte und schulische Evaluationsvorhaben, die eine seriöse Rechenschaftslegung ermöglichen.
Es müssen einfache und überzeugende Instrumente der Selbstevaluation in Verbindung mit einer Prüfung von außen geschaffen werden. Zentrale Tests zur Erhebung des fachlichen Leistungsstands der Schülerinnen und Schüler können nur ein Instrument sein, das die Schulen in ihrem Selbstvergewisserungsprozess freiwillig nutzen. Ranking- Verfahren sind völlig ungeeignet, die Qualität des Lehrens und Lernens in der Fläche zu verbessern.

Allgemeine Bildung, berufliche Bildung und Weiterbildung in der Wissensgesellschaft

Die Notwendigkeit des lebensbegleitenden Lernens ist oft und hinreichend genug postuliert worden. Für eine erfolgreiche Realisierung, die niemanden außen vor lässt, gehört eine das ganze Bildungssystem einbeziehende Sichtweise und ein Konzept, das die vielfältigen Angebote allgemeiner und beruflicher Bildung sowie der Weiterbildung miteinander verbindet, Zusammenhänge herstellt und Übergänge zwischen den Lernprozessen in den verschiedenen biografischen Abschnitten und Lebenslagen erleichtert.

Dabei gilt es anzuerkennen, dass für lebensbegleitendes Lernen eine bestimmte positive Einstellung zum Lernen eine zentrale Rolle spielt, die durch Erfahrungen im Elementar- und Primarbereich wesentlich geprägt wird. Lernmotivation wecken und erhalten, Kompetenz für eigenverantwortliches Lernen herausbilden, das sind die Aufgaben, die in allen Phasen und Sektoren des Bildungssystems Bedeutung haben. Mit einer solchen Sicht soll dem Scheitern im allgemein- und berufsbildenden System entgegengearbeitet, sollen Bildungs- und Qualifikationspotenziale ausgebaut werden.

Wir unterstützen Kooperationen und die Öffnung der Bildungswege. Durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung kann die Zahl derer erweitert werden, die auf unterschiedlichen Wegen die Zugangsqualifikation für den tertiären Bereich erwerben. Durch die Kooperation von allgemeinbildenden und beruflichen Bildungseinrichtungen und den Betrieben sollen Jugendliche durch Ausweitung auf berufsbezogene Inhalte motiviert werden, ihren Sekundarabschluss zu machen. Gleichzeitig können sie auf diese Weise erfolgreich in ein Ausbildungsverhältnis gebracht werden.

Da Schulversagen aber nicht kurzfristig vollständig beseitigt werden kann, ist der nachträgliche Erwerb eines Schulabschlusses bedarfsgerecht auszustatten. Wir setzen uns ebenfalls ein für den späteren Erwerb von höherwertigen Abschlüssen auf dem Zweiten Bildungsweg.
Die berufliche Erstausbildung muss, damit sie Nachhaltigkeit hat, sich auf Kernqualifikationen konzentrieren. Das heißt, sie hat sicherzustellen, dass eine umfassende Allgemeinbildung und ein breites berufsfeldbezogenes Grundwissen vorhanden ist, um sich im Beruf selbständig zurechtzufinden, die Tätigkeiten und ihre Folgen gesellschaftlich zu reflektieren und das erworbene Wissen zu transferieren. Es ist Aufgabe der Betriebe Spezifizierungen vorzunehmen für die konkrete betriebliche Alltagspraxis.

Im Interesse der Auszubildenden und ihres Rechts auf lebensbegleitendes Lernen soll es künftig die Möglichkeit geben, berufliche Bildung als modularisiertes System aufzubauen, dessen Elemente sowohl in der ersten Phase der beruflichen Bildung als auch in der Weiterbildungsphase absolviert werden können und bis zur Meisterprüfung neu organisiert werden.

Die Bemühungen um die Geringqualifizierten und den von Erwerbslosigkeit besonders stark bedrohten Risikogruppen müssen in der beruflichen Bildung und der Weiterbildung verstärkt werden, damit die bestehende Qualifizierungskluft sich nicht noch vergrößert. Der vorherrschende Trend, dass die Weiterbildungsbeteiligung von dem erreichten schulischen und beruflichen Qualifikationsniveau abhängig ist, muss gebrochen werden.

Der Anteil der alten Menschen in der Gesellschaft wächst. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die aktive Teilhabe älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben zu verzichten. Neben der durchgehenden Beteiligung älterer Menschen am Weiterbildungsprozess setzen wir uns dafür ein, dass alle Gruppen, die bislang in der Weiterbildung unterrepräsentiert sind, als Zielgruppen verstärkt einbezogen werden. Dazu gehören neben den o.g, Gruppen auch Migranten und Menschen mit Behinderungen.

Bündnis 90/ Die Grünen gehen von der Gleichrangigkeit allgemeiner, politischer und beruflicher Weiterbildung aus. Eine einseitige Reduktion auf eine enge berufliche bzw. berufsbezogene Weiterbildung mit unmittelbarer Verwertbarkeit für die Betriebe beraubt die Menschen ihres Rechts auf umfassende, persönlichkeitsbezogene Bildung, die die Grundlage ist für eine aktive Teilhabe und Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Deshalb treten wir auch ein für das Recht auf Arbeitnehmerweiterbildung und einen bezahlten Freistellungsanspruch zum Zwecke der beruflichen, politischen und allgemeinen Bildung. Betriebliche Weiterbildung in der Verantwortung der Betriebe kann dieses Angebot nicht kompensieren.

Bildungsfinanzierung

Bildungsausgaben sind Investionen, deren Erträge nachweisbar in nicht unerheblichem Umfang aus verminderten Kosten in anderen öffentlichen Aufgabenbereichen bestehen. Aber im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Bildungsinvestitionen in Deutschland geringer sind, als wir sie uns leisten können und leisten müssen. Die Investionen im Bildungsbereich sind deshalb schrittweise zu erhöhen.
Die Neubestimmung der Bildungsfinanzierung in Deutschland hat sich mindestens an den Bildungsausgaben anderer europäischer Länder und der OECD zu orientieren. Dass Deutschland bei Bildungsausgaben unter dem EU- bzw. OECD-Durchschnitt liegt, muss sich angesichts der Bedeutung von Bildung als Zukunftsinvestition ebenso ändern wie die relative Vernachlässigung des Elementar-und Primarbereichs.

Die Ergebnisse der Untersuchungen zu Lernausgangslagen zeigen, dass in der bisherigen Praxis der Bildungsfinanzierung Ungleichheit begünstigt wird. Es gilt, wer hat, dem wird gegeben. In Zukunft muss gelten: Wer größere Integrationsleistungen in der Schule zu erbringen hat, wer mit heterogeneren Lerngruppen arbeitet, braucht mehr Ressourcen.

Der Sozialstaat braucht eine solidarische, belastungsfähige Steuerpolitik, um die erweiterten Aufgaben der staatlichen Daseinsvorsorge im Bildungsbereich zu finanzieren. Dabei ist davon auszugehen, dass präventive Ausgaben im Bildungsbereich langfristig kompensiert werden durch Einsparungen in anderen Sektoren. Eine Politik, die der Gerechtigkeit und der Nachhaltigkeit verpflichtet ist, muss mit der Sozialpflichtigkeit des Eigentums wieder ernst machen.

Brigitte Schumann ( LAG Schule u.Bildung, KV Mülheim )
Sigrid Beer ( LAG Schule u. Bildung, KV Paderborn )
Frank Hoffmann ( LAG Schule u. Bildung )
Heidi Schäfers (LAG Schule u. Bildung, KV Wuppertal )
Gerd Schäfers ( LAG Schule u. Bildung, KV Wuppertal )
Marilyn Morgan ( LAG Schule u. Bildung, KV Wuppertal )
Hilke Schwingeler ( LAG Schule u. Bildung, KV Dortmund )
Uwe Maerz ( LAG Schule u. Bildung, KV Bielefeld )
Herbert Clasen ( LAG Schule u. Bildung, KV Köln )
Barbara Behr ( LAG Schule u. Bildung, KV Krefeld )
Sigrid Prahl ( LAG Schule u. Bildung, KV Unna )
Walter Scherer ( LAG Schule u. Bildung, KV Bielefeld )
Birgit Ebel ( LAG Frauen, KV Dortmund )

Wir bitten um Unterstützung von Einzelpersonen und Kreisverbänden.
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Brigitte Schumann, Rüttenscheider Str. 18, 45128 Essen, tel.: 0201-777 940,
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