Die "Schocktherapie" des IWF
und die Rueckverwandlung des Balkans in eine Kolonie

Von Nick Beams
20. April 1999
aus dem Englischen (17. April 1999)


Waehrend der Balkankriege von 1912-13 schrieb Leo Trotzki: "In der Politik wie auch im Privatleben gibt es nichts, was banaler waere - banaler und fruchtloser - als das Moralisieren. Dennoch wirkt es fuer viele anziehend, da es von der Notwendigkeit entbindet, in die objektive Mechanik der Ereignisse einzudringen." (1)

In den hunderten Zeitungsberichten und tagelangen Fernsehsendungen ueber die Balkankrise seit der Aufloesung des jugoslawischen Bundesstaats 1991 ist nicht die geringste Erklaerung, geschweige denn Analyse ihrer Ursachen zu entdecken.

Der Grund fuer dieses Stillschweigen ist nicht schwer zu finden, denn eine solche Analyse wuerde zeigen, dass hinter der Nebelwand der Propaganda von "humanitaeren" Sorgen um das Schicksal der Fluechtlinge und Opfer der "ethnischen Saeuberungen" maechtige oekonomische Prozesse am Werk sind, die sich in der eskalierenden Militaerintervention der Imperialisten Bahn brechen.

In seiner Analyse des Dayton-Abkommens ueber Bosnien-Herzegowina vom November 1995 bemerkte der kanadische Autor Michel Chossudovsky: "Der Zusammenbruch der jugoslawischen Foederation steht in direktem Zusammenhang mit dem Programm der makro-oekonomischen Umstrukturierung, die der Regierung in Belgrad von ihren auslaendischen Glaeubigern aufgezwungen wurde. Dieses Programm, das seit 1980 in mehreren Schritten eingefuehrt wurde, trug zum Kollaps der nationalen Wirtschaft bei und fuehrte zur Desintegration des industriellen Sektors und zur stueckweisen
Zerschlagung des Sozialstaats. Sezessionistische Tendenzen, die aufgrund sozialer und ethnischer Spaltungen wuchsen, gewannen in eben jener Zeit Auftrieb, als die jugoslawische Bevoelkerung brutal ins Elend gestossen wurde." (2)

Susan Woodward, die 1995 fuer das Brookings Institute eine Studie ueber die Balkankrise erstellte, widerlegte die von Washington verbreitete Auffassung ueber "Verbrecherstaaten", die in der Zeit nach dem Kalten Krieg entstanden seien und von "neuen Hitlers" wie Saddam Hussein in Irak und Slobodan Milosevic gefuehrt wuerden, die "alle Normen des zivilisierten Lebens missachten und bestraft werden muessen, wenn diese Normen erhalten und unschuldige Menschen beschuetzt werden sollen". (3)

Sie bestritt, dass der Zusammenbruch Jugoslawiens das Resultat ethnischer Spannungen gewesen sei, die 40 Jahre lang gewissermassen "eingefroren" gewesen und nun ploetzlich zu neuem Leben erwacht seien. Der wahre Grund des Zusammenbruchs der zivilen und politischen Ordnung sei der wirtschaftliche Niedergang gewesen, der weitgehend durch das
Schuldentilgungsprogramm des Internationalen Waehrungsfonds und anderer internationaler Finanzinstitutionen ausgeloest worden sei.

"Ein ueber zehn Jahre waehrender Sparhaushalt und die Zerstoerung des Lebensstandards erschuetterten das gesellschaftliche Gefuege und die Rechte und Sicherheiten, auf welche die Individuen und Familien sich verlassen hatten. Normale politische Konflikte zwischen der zentralen und lokalen Regierungen ueber Wirtschaftsbestaende und oekonomische und politische Reformen im Rahmen des Schuldentilgungsprogramms wuchsen sich zu Verfassungskaempfen und dann sogar zu einer Staatskrise aus, weil die Politiker zu keinen Kompromissen bereit waren." (4)

Der kausale Zusammenhang zwischen dem Schuldendienstprogramm, das der IWF verhaengt hatte, und dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens ist auch Gegenstand eines Artikels auf der Website der Polyconomics Inc.
(www.polyconomics.com). Autor ist der Redakteur dieser Website, Jude Wanniski, ein frueherer Mitherausgeber des Wall Street Journal. Wanniski hat Aussenministerin Madeleine Albright ein Memo mit einem Bericht geschickt, den das damalige Redaktionsmitglied von Polyconomics, Criton Zoakos, im Mai 1993 erstellt hatte.

Zoakos hatte geschrieben: "1987 war das alte Jugoslawien all seiner tragischen Schwaechen zum Trotz immer noch ein funktionierender Staat. Der Internationale Waehrungsfond uebernahm darauf die Wirtschaftspolitik und fuehrte eine Reihe von nur allzu bekannten Schocktherapien ein: Abwertung der Waehrung, Einfrieren der Loehne und Abbau der Preiskontrollen; - nach den oekonomischen Lehrbuchregeln von Harvard/MIT sollte die Lohnrate auf international konkurrenzfaehiges Niveau herabgedrueckt werden. Als sich die Wirtschaft unter diesem Schock zusammenzog, schrumpften auch die Einnahmequellen der Zentralregierung, was dazu fuehrte, dass unter dem Druck des IWF die Steuern erhoeht wurden, um den Haushalt auszugleichen...

Diese zentrifugalen Kraefte begannen, die Foederation in Stuecke zu reissen, weil die reicheren Provinzen Kroatien und Slowenien sich weigerten, mit ihren Ressourcen die aermeren Provinzen zu finanzieren. Genau so, wie die UdSSR zerbrach, als der IWF die Gorbatschow-Regierung zwang, den Rubel abzuwerten, so zerbrach auch Jugoslawien in Stuecke, als
ethnische und religioese Rivalitaeten benutzt wurden, um die Kontrolle ueber einen moeglichst grossen Teil der schrumpfenden Mittel zu sichern...

Als die Schocktherapie des IWF Jugoslawien traf, da war die erste Reaktion nicht ethnische Unruhen, sondern grosse und zahlreiche Streiks und Arbeitskaempfe. Noch 1988 fiel es einem in Belgrad arbeitenden amerikanischen Journalisten schwer, ethnische Spannungen zu entdecken. 'Es waere mir egal, ob ich Serbe, Bosnier, oder auch ein Usbekistani waere -
ich wuerde mir auch Schlitzaugen wachsen lassen, solange das Geld stimmte', sagte mir ein Belgrader Taxifahrer namens Zoran und zog sich die Haut um die Augen herum stramm, um seine Aussage zu unterstreichen.' Ganz normale Leute wurden erst zu ethnischen Monstern, als alle anderen Optionen fuer eine gesicherte wirtschaftliche Existenz zerstoert waren.
Die 'ethnischen Saeuberungen' kamen erst, als die 'Schocktherapie' ihr Werk verrichtet hatte."

Woodward bemerkt daher in ihrer Studie ganz richtig: "Die jugoslawische Krise als Ergebnis ethnischen Hasses darzustellen, heisst, die Geschichte auf den Kopf zu stellen und das Pferd vom Schwanz her aufzuzaeumen." (5)


Wie die "strukturellen Anpassungsprogramme" des IWF entstanden sind

Um am Anfang zu beginnen und die wirtschaftlichen Interessen der grossen kapitalistischen Maechte deutlich zu machen, muss man mindestens bis zum Ende des Nachkriegsaufschwungs zurueckgehen.

Nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den Jahren 1971-73, als US-Praesident Nixon die Golddeckung des Dollar aufgehoben hatte und die Wechselkurse der wichtigsten Waehrungen freigegeben worden waren,
erlitt der Weltkapitalismus mehrere Schocks. 1973-74 vervierfachten sich die Oelpreise, was zu erheblichen Stoerungen im globalen Finanzsystem fuehrte, weil die oelimportierenden Laender mit grossen Zahlungsbilanzproblemen zu kaempfen hatten. Dem kurzzeitigen Boom aufgrund steigender Warenpreise folgte sehr schnell die weltweite Rezession von
1974-75, die bisher schlimmste seit der grossen Depression der dreissiger Jahre.

Fuer die herrschende Klasse der imperialistischen Laender wurden diese wachsenden wirtschaftlichen Probleme noch durch einen Aufschwung der Arbeiterbewegung - 1974 der Bergarbeiterstreik in Grossbritannien, die Revolution in Portugal, zunehmende Lohnkaempfe in den USA, um nur einige Beispiele zu nennen - und eine ganze Reihe anti-imperialistischer Kaempfe in den halbkolonialen Laendern verschaerft, die 1975 in der Niederlage der Vereinigten Staaten in Vietnam ihren Hoehepunkt fanden.

Entsprechend verfolgte die Bourgeoisie eine zweigleisige Strategie. In den kapitalistischen Industrielaendern stuetzte sie sich stark auf die sozialdemokratischen und stalinistischen Apparate, um die Kaempfe der Arbeiterklasse unter Kontrolle zu bringen, und verfolgte gleichzeitig eine Keynesianische Sozialstaatspolitik, um die Auswirkungen der Rezession zu abmildern. Zugleich organisierte sie das "Recycling" der Petrodollars durch die Vergabe billiger Kredite an Laender, die von elimporten
abhaengig waren.

Aber keine dieser Massnahmen loeste die zugrundeliegenden wirtschaftlichen Probleme - sie schoben sie nur hinaus. Die Rezession von 1974-75 ging zu Ende, aber eine Rueckkehr zu den Bedingungen des Nachkriegsbooms fand nicht statt. Die Wirtschaftskrise nahm die Form einer Stagflation an - dauernde hohe Arbeitslosigkeit bei zweistelligen Inflationsraten.

Diese Situation fuehrte schnell zu einer Krise des internationalen Finanzsystems. Weil die Inflation sich auf Rekordhoehe bewegte, erfreuten sich die Empfaengerlaender der "weichen Kredite" de facto negativer Zinssaetze. Gleichzeitig wurde die Kapitalbasis der Banken unterhoehlt. Eine neue Politik war unumgaenglich.

Sie kam 1979 mit der Ernennung von Paul Volcker zum Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank. Volcker entwarf fuer das laufende Jahr einen neuen Haushaltsplan fuer die Carter-Regierung und fuehrte eine Hochzinspolitik ein, um die "Inflation zu eliminieren." Dieses Programm, das zu Zinssaetzen von bis zu 20 Prozent fuehrte, bedeutete eine massive Umverteilung von Reichtum zugunsten der grossen Banken und Finanzinstitutionen.

Waehrend die Bourgeoisie Mitte der 70er Jahre noch versucht hatte, Zeit zu gewinnen, befand sie Anfang der 80er Jahre, dass die Lage fuer eine neue Initiative ausreichend stabilisiert sei. Jetzt wurde in allen grossen kapitalistischen Laendern eine Offensive gegen die sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse eroeffnet und ein Programm zur Verarmung der verschuldeten Laender in Gang gesetzt.Laender, die sich hoch verschuldet hatten, um ihre Oelimporte bezahlen zu koennen, gerieten jetzt zwischen die Fronten. Auf der einen Seite stiegen die realen Zinssaetze fuer ihre Kredite schnell an, gleichzeitig fielen aufgrund der Rezession von 1981-82 aber die Exportpreise fuer die Waren, mit denen die Devisen fuer die Rueckzahlung der Kredite verdient werden sollten.

Diese Schuldenfalle fuehrte schliesslich 1982 zur mexikanischen Schuldenkrise. Der IWF reagierte darauf mit den sogenannten "Strukturanpassungsprogrammen". Verschuldete Laender sollten nur noch neue Kredite bekommen, wenn sie ihre gesamte Volkswirtschaft grundlegend "umstrukturierten": die Staatsausgaben fuer nationale Entwicklungsprojekte
und soziale Massnahmen mussten zusammengestrichen werden. Es ging darum, die ganze Welt den grossen Industriekonzernen und Finanzinstitutionen zu unterwerfen.

Die Auswirkungen dieser Politik fasste 1992 Jerome I. Levinson, ein ehemaliger Vertreter der Interamerikanischen Entwicklungsbank, folgendermassen zusammen: "Dem amerikanischen Finanzministerium... bot die Schuldenkrise die einmalige Gelegenheit, in den Schuldnerlaendern Strukturreformen im Sinne der Reagan-Regierung durchzusetzen. Der Kern
dieser Reformen bestand in der Verpflichtung der Schuldnerlaender, die Rolle des staatlichen Sektors bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zurueckzudraengen, und statt dessen mehr auf die Marktkraefte und die auslaendische und einheimische Privatwirtschaft zu setzen." (6)

Diese Programme hatten katastrophale Auswirkungen. Es ist davon auszugehen, dass die "Entwicklungslaender", die unter dem Diktat von Strukturanpassungsprogrammen standen, von 1984 bis 1990 178 Mrd. Dollar an westliche Geschaeftsbanken abfuehrten. Ein frueherer Vertreter der Weltbank bemerkte dazu: " Ein solches Abfliessen von Reichtum in diese Richtung hat die Welt nicht gesehen, seit die Konquistadoren Lateinamerika gepluendert haben." (7)


Wirtschaftliche Zerstoerung Jugoslawiens

Die Auswirkungen auf Jugoslawien waren nicht weniger verheerend. Die jugoslawischen Auslandsschulden stiegen von 1970 bis 1975 von zwei auf sechs Mrd. Dollar. 1980 betrugen sie schon zwanzig Mrd. Dollar, d. h. mehr als ein Viertel des Nationaleinkommens; der Schuldendienst frass schon zwanzig Prozent der Exporteinnahmen auf.

Zinszahlungen und Schuldentilgung trugen erheblich zur Aufsplitterung der Bundesrepublik Jugoslawien bei. Der groesste Teil der industriellen Entwicklung hatte im Norden des Landes stattgefunden, in Kroatien und Slowenien, waehrend der Sueden Rohstoffe geliefert hatte. Als die relativen Preise fuer Rohstoffe fielen, nahm das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Republiken zu. Das fuehrte zu Spannungen und Autonomie-Forderungen der noerdlichen Republiken.

Der Druck des IWF und anderer Finanzinstitute auf die Bundesregierung, die Auslandsschulden durch eine Steigerung des Exports zu reduzieren, fuehrte in den achtziger Jahren zu einem stetigen Verfall des Lebensstandards.Von 1979 bis 1985 fielen die Realeinkommen der Beschaeftigten im "staatlichen Sektor" um 25 Prozent, und Schaetzungen gehen dahin, dass
1989 sechzig Prozent der jugoslawischen Arbeiter an oder unter der staatlich festgelegten Armutsgrenze lebten. Von 1982 bis 1989 fiel der Lebensstandard um vierzig Prozent.

Dieser erzwungene Rueckgang des privaten Konsums fuehrte in der Tat zu einem Rueckgang des Handelsbilanzdefizits von 7,2 Mrd. Dollar (1979) auf 0,6 Mrd. Dollar (1988). Aber die Umschuldungsmassnahmen bedeuteten, dass der Schuldenberg nur um eine Milliarde Dollar gesunken, und bis 1987 wieder auf ueber zwanzig Mrd. Dollar angestiegen war.

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Michael Barratt Brown beschrieb die Wirkungsweise dieser wirtschaftlichen Tretmuehle: "Es schien keine Hoffnung zu geben, und es gab auch tatsaechlich keine. In allen ueberschuldeten Laendern der Dritten Welt und der kommunistischen Welt wurde dasselbe Heilmittel verschrieben. ,Exportiert mehr und bezahlt eure Schulden!' war der Refrain, den IWF und Weltbank staendig wiederholten; und je mehr die Schuldner-Laender die selben, oft hauptsaechlich primaeren, Produkte exportierten, desto mehr sanken die Preise auf dem Weltmarkt, waehrend die Preise der aus den Industrielaendern importierten Gueter und die Zinsen immer weiter stiegen." (8)

Als 1989 die stalinistischen Regime in Osteuropa zusammenbrachen, forcierte der IWF das Umstrukturierungsprogramm. Die grundlegenden Ziele fuer Osteuropa und Jugoslawien waren bereits 1982 in einer Entscheidungsdirektive fuer die
Nationalen Sicherheitsbehoerden der USA benannt worden: "verstaerkte Anstrengungen, kommunistische Regierungen und Parteien in einer ,leisen Revolution' zu stuerzen" (9) und Osteuropa in die Marktwirtschaft hineinzuziehen.

Die Auswirkungen der Diktate des IWF auf Jugoslawien lassen folgende Zahlen deutlich werden: Im Zeitraum von 1966-79 war die Industrieproduktion noch um durchschnittlich 7,1 Prozent pro Jahr gewachsen. Nach der ersten Phase makro-oekonomischer Reformen fiel sie 1980-87 auf noch 2,8 Prozent, 1987-88 auf Null und brach 1990 schliesslich auf minus 10,6 Prozent ein.Aber es sollten noch haertere Massnahmen folgen. Im Januar 1990 wurde ein Abkommen mit dem IWF unterzeichnet, das Ausgabenkuerzungen in der Groessenordnung von fuenf Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorsah.

Wie Chossudovsky deutlich macht, war das Ergebnis schlichtweg eine Katastrophe: "Obwohl die Einkommen von der Inflation aufgefressen wurden, ordnete der IWF an, die Loehne auf der Hoehe von Mitte November 1989 einzufrieren. Obwohl der Dinar an die D-Mark gekoppelt wurde, stiegen die Preise unaufhoerlich weiter. Die Realloehne brachen im ersten Halbjahr 1990 um 41 Prozent ein. Die Inflation betrug in diesem Jahr ueber 70 Prozent. Im Januar 1991 wurde eine weitere Abwertung des Dinar um 30 Prozent durchgefuehrt, die zu weiteren Preissteigerungen fuehrte. 1991 lag die Inflation bei 140 Prozent und schnellte 1992 und 1993 auf 937 und 1134 Prozent hoch.

Das Wirtschaftsprogramm vom Januar 1990 beinhaltete ausserdem die volle Konvertierbarkeit des Dinar, die Liberalisierung der Zinsen und weitere Einschnitte bei den Importquoten. Die Glaeubiger erhielten die volle Kontrolle ueber die Geldpolitik: das mit dem IWF unterzeichnete Abkommen verwehrte der Bundesregierung die Aufnahme von Krediten bei ihrer eigenen
Zentralbank (der Nationalbank von Jugoslawien). Diese Klausel legte die Haushaltsfuehrung so gut wie lahm und behinderte den Bundesstaat bei der Finanzierung seiner Ausgaben fuer Wirtschaft und Soziales. Ausserdem trug noch die mit der Bankenreform einhergehende Deregulierung des Geschaeftskreditwesens zum Zusammenbruch der Investitionen der staatlichen Unternehmen bei.

Der Stop aller Transfer-Zahlungen an die Republiken kam deren Sezession gleich. Die Erfuellung dieser Bedingungen (des IWF) war auch Bestandteil der Umschuldungsabkommen mit dem Pariser und Londoner Club [den groessten westlichen Finanzinstitutionen]. Die vom IWF herbeigefuehrte Haushaltskrise hatte die Finanzstruktur des Bundesstaats zerstoert. Diese
Situation wirkte als vollendete Tatsache bereits vor der formalen Unabhaengigkeitserklaerung Kroatiens und Sloweniens im Juni 1991. Politischer Druck auf Belgrad durch die EG und die Bestrebungen Deutschlands, den Balkan in seinen Einflussbereich zu bringen, trugen ebenfalls zum Auseinanderbrechen bei. Die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen fuer die Aufspaltung der Jugoslawischen Foederation waren jedoch bereits vorher in einem Jahrzehnt ,struktureller Anpassung' gelegt worden." (10)

Eine der wichtigsten Bedingungen des IWF war die Einstellung von Subventionszahlungen der Bundesregierung und Finanzinstitute an "verlustbringende" Unternehmen. Im Jahr 1989 wurden 248 Firmen geschlossen und 89.400 Arbeiter entlassen. Aber es sollte noch haerter kommen. In den ersten neun Monaten von 1990 mussten weitere 889 Unternehmen mit 525.000 Arbeitern Konkurs anmelden, die meisten davon in Serbien, Bosnien- Herzegowina, Mazedonien und Kosovo.

Im September 1990 schaetzte die Weltbank, dass es unter den insgesamt 7.531 verbliebenen Unternehmen noch weitere 2.435 "verlustbringende" mit einer Beschaeftigtenzahl von insgesamt 1,3 Millionen Arbeitern gebe. Wie Chossudovsky bemerkt: "Behaelt man im Hinterkopf, dass bis September 1990 bereits 600.000 Arbeiter von bankrotten Firmen entlassen worden waren, so besagen diese Zahlen, dass etwa 1,9 Millionen Arbeiter (von insgesamt 2,7 Millionen) als ,ueberzaehlig' eingestuft worden waren. Die ,zahlungsunfaehigen', hauptsaechlich in den Bereichen Energie, Schwerindustrie, Metallverarbeitung, Holzwirtschaft und Textilien angesiedelten Firmen gehoerten zu den groessten Industrieunternehmen im
Land und beschaeftigten (im September 1990) 49,7 Prozent der (noch in Arbeitsverhaeltnissen verbliebenen) Industriearbeitskraefte." (11)


Eine neue Kolonialisierung

Diese Wirtschaftsstatistiken machen deutlich, dass die derzeitigen NATO- Angriffe nichts weiter sind als die Fortfuehrung des Programms der vorherigen Periode mit anderen, d. h. militaerischen Mitteln - die Zerstoerung jeder wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Jugoslawien und die Verwandlung der ganzen Region in eine Halbkolonie der grossen kapitalistischen Maechte.Dieser Prozess ist nirgends deutlicher als in Bosnien-Herzegowina. Im Dayton-Vertrag vom November 1995 wurden diese Ziele in der Verfassung der neuen "Republik" verankert. Der sogenannte Hohe Repraesentant wird von der
EU und den USA bestimmt und hat alle Machtkompetenzen, die Entscheidungen der Regierungen sowohl der Bosnischen Foederation wie der bosnisch- serbischen Republik Srpska zu verwerfen.Die Wirtschaftspolitik wurde in die Haende der grossen internationalen Finanzinstitutionen gelegt. Die Verfassung besagt, dass der erste Vorsitzende der Zentralbank von Bosnien-Herzegowina vom IWF ernannt werden und "kein Buerger Bosnien-Herzegowinas oder eines benachbarten Staates
sein darf...".Ausserdem durfte die Zentralbank keine unabhaengige Wirtschaftspolitik betreiben und in den ersten sechs Jahren "den Kreditrahmen nicht durch die Schaffung von Geld erweitern und in diesem Sinne als Waehrungsbehoerde
fungieren". Das bedeutet, sie darf nur soviel an Papiergeld herausbringen, wie in vollem Umfang durch Reserven in auslaendischer Waehrung gedeckt ist. Internationale Kredite durften nicht zur Finanzierung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus benutzt werden, sondern nur zur Finanzierung der im Dayton-Vertrag festgelegten Stationierung von Militaer
und zur Rueckzahlung der Schulden an die internationalen Glaeubiger." (12)

Nachdem die imperialistischen Maechte die praktische Rekolonialisierung von Bosnien-Herzegowina sichergestellt haben, gehen sie nun unter Fuehrung der USA daran, diesen Prozess auf den Rest Jugoslawiens auszudehnen. Wie die Veroeffentlichung des Rambouillet-Abkommens klargemacht hat, war die militaerische Besetzung durch die NATO nicht auf Kosovo begrenzt, sondern zielte auf ganz Jugoslawien ab. Kurz gesagt, hinter der Nebelwand der Propaganda entpuppt sich der "objektive Mechanismus der Ereignisse" als Drang zur Rekolonialisierung der gesamten Region.

Quellen

1. "Die Balkankriege 1912-13", Essen 1996, S. 27
2. Michel Chussodovsky, The Globalisation of Poverty, S. 243-44
3. Susan Wooodward, Balkan Tragedy, S. 7
4. a.a.O., S.15
5. a.a.O., S.18
6. zitiert nach Doug Henwood, Wall Street, S.294-95
7. zitiert nach Asad Ismi, "Plunder With a Human Faze", Z magazine, Februar 1998
8. Michael Barratt Brown, "The War in Yugoslavia and the Debt Burden", in Capital and Class, Nr. 50, 1993
9. Chussodovsky, a.a.O., S. 244
10. a.a.O. S. 246-47
11. a.a.O., S. 251
12. a.a.O., S. 256


Das Original ist auf der World Socialist Web Site:

Die "Schocktherapie" des IWF und die Rückverwandlung des Balkans in eine Kolonie http://wsws.org/de/1999/apr1999/yugo-a20.shtml